Warum jedes gute WordPress-Theme ein Designsystem braucht

Warum jedes gute WordPress-Theme ein Designsystem braucht


Wenn du schon ein paar Jah­re mit Word­Press arbei­test, kennst du das viel­leicht:
Du fängst mit einem The­me an, bist anfangs zufrie­den – und ein Jahr spä­ter stellst du fest, dass du für jede Klei­nig­keit neue CSS-Schnip­sel brauchst. Also wech­selst du das The­me.
Beim zwei­ten Wech­sel merkst du: Jetzt stim­men dei­ne Far­ben nicht mehr, das Logo sitzt zu hoch, und irgend­et­was ist mit den But­tons anders.

Ich hab das durch­ge­spielt. Mehr­mals.

Am Anfang habe ich mit klas­si­schen, sta­ti­schen The­mes gear­bei­tet. Dann kam Divi – groß­ar­tig in Sachen Fle­xi­bi­li­tät, aber nach ein paar Jah­ren wuss­te ich selbst nicht mehr, wo wel­che Ein­stel­lung eigent­lich her­kam.
Danach Gene­ra­te­Press: schlan­ker, schnel­ler, bes­ser struk­tu­riert. Aber auch da: vie­les lag noch in CSS-Datei­en, vie­les war visu­ell anpass­bar, aber nicht sys­te­ma­tisch gedacht.

Spä­ter kamen Block-The­mes und Frame­works wie Kadence. Sie fühl­ten sich moder­ner an, aber irgend­wie war es immer noch Flick­werk: Design, Far­ben, Lay­outs – alles ver­teilt, nie wirk­lich zen­tral steu­er­bar.

Und dann kam der Moment, an dem ich mir dach­te:

Es kann doch nicht sein, dass jede Web­site, die ich baue, ihr eige­nes Mini-Uni­ver­sum hat.

Ich woll­te ein Design­sys­tem, kein Sam­mel­su­ri­um.


Vom Theme zum System: ein Perspektivwechsel

Was ist der Unter­schied zwi­schen einem „The­me“ und einem „Design­sys­tem“?

Ein The­me lie­fert ein Aus­se­hen.
Ein Design­sys­tem lie­fert Struk­tur.

Es legt fest, wie Din­ge gestal­tet wer­den – nicht was gera­de hübsch aus­sieht.
Und genau hier liegt die Stär­ke der moder­nen Word­Press-Archi­tek­tur mit Full Site Editing (FSE) und der Datei theme.json:
Sie zwingt dich fast dazu, in Sys­te­men zu den­ken.


Der Schlüssel: theme.json

Die theme.json ist heu­te das Herz jedes moder­nen The­mes.
Hier defi­nierst du nicht nur Far­ben, son­dern gan­ze seman­ti­sche Ebe­nen dei­nes Designs.

Ein Aus­zug aus mei­ner Grund­struk­tur:

 
"color": { "palette": [ { "name": "Primary", "slug": "primary", "color": "#ff6600" }, { "name": "Foreground", "slug": "foreground", "color": "#111111" }, { "name": "Background", "slug": "background", "color": "#ffffff" } ] }

Frü­her hät­te ich die­sel­ben Far­ben in einer CSS-Datei, in Divi-Optio­nen und viel­leicht noch in einem Plug­in gepflegt.
Heu­te defi­nie­re ich sie ein­mal – und sie gel­ten über­all.

Wenn ich die Pri­mär­far­be ände­re, ändert sich auto­ma­tisch die Far­be aller But­tons, Links und Icons, die currentColor ver­wen­den.
Ich ände­re also den Stil­ge­dan­ken, nicht mehr nur die Optik.


Warum Komplexität nichts Schlechtes ist

Ich weiß noch, wie ich am Anfang mit FSE gekämpft habe.
Alles fühl­te sich neu an – Blö­cke, Tem­pla­tes, Parts, Styl­es.
Aber irgend­wann kipp­te der Punkt:
Ich merk­te, dass die­se „Kom­ple­xi­tät“ eigent­lich Ord­nung ist.

Frü­her muss­te ich Design­ent­schei­dun­gen in fünf Datei­en ver­streut pfle­gen.
Heu­te liegt fast alles an einem Ort:
theme.json beschreibt mei­ne Logik, nicht mein Cha­os.

Wenn du das Prin­zip ein­mal ver­stan­den hast, arbei­test du nicht mehr am The­me, son­dern am Sys­tem dahin­ter.


Farben denken wie Beziehungen

Der wich­tigs­te Schritt war für mich, Far­ben nicht mehr als „Far­ben“, son­dern als Bezie­hun­gen zu ver­ste­hen.

Es gibt:

  • eine Pri­mär­far­be,

  • hel­le und dunk­le Vari­an­ten davon,

  • und eine neu­tra­le Palet­te aus Grau­tö­nen (100–900), die immer funk­tio­niert.

Das sieht in der theme.json so aus:

 
{ "name": "Primary Dark", "slug": "primary-dark", "color": "#cc5200" }, { "name": "Neutral 700", "slug": "neutral-700", "color": "#444444" }

Wechs­le ich die Pri­mär­far­be – z. B. von Oran­ge zu Pur­ple – bleibt der Rest kon­sis­tent.
Weil sich das Sys­tem nicht ändert, nur die Varia­ble.

Die­se Den­ke hat mein Ver­hält­nis zu Design völ­lig ver­än­dert.
Ich suche nicht mehr nach Far­ben, die „pas­sen“,
son­dern nach Far­ben, die sich in ein Ver­hält­nis ein­fü­gen.


Theme-unabhängige Assets

Das zwei­te gro­ße Aha-Erleb­nis war das The­ma Assets.
Ich hat­te frü­her Logos in jedem The­me-Ord­ner dop­pelt, Fonts in jedem Child-The­me und Icons irgend­wo in Uploads.

Bis ich ver­stan­den habe:
Das gehört alles nicht ins The­me.

Heu­te lie­gen mei­ne Datei­en unter

 
/wp-content/assets/ /logos/ /fonts/ /icons/

So blei­ben sie unab­hän­gig vom The­me und sind für alle Pro­jek­te nutz­bar.
Ein Update oder The­me-Wech­sel zer­stört nichts mehr.

Und genau das ist für mich der Kern eines guten Sys­tems:

Wenn du etwas änderst, darf nichts ande­res unge­wollt mit umfal­len.


Der Stylecheck – mein persönliches Prüfwerkzeug

Mit der Zeit habe ich mir eine eige­ne Sei­te ange­legt: /stylecheck/.
Dar­auf lie­gen alle Grund­ele­men­te: Über­schrif­ten, Absät­ze, Lis­ten, Zita­te, But­tons, Tabel­len, Icons, Bil­der.

Jedes Mal, wenn ich etwas am The­me ände­re, rufe ich die­se Sei­te auf.
Ich sehe sofort, ob Abstän­de, Far­ben und Typo­gra­fie noch har­mo­nie­ren.

Es ist eine klei­ne, aber unglaub­lich effek­ti­ve Rou­ti­ne – fast wie ein juris­ti­scher Quer­ver­weis:
Ich über­prü­fe nicht den Ein­zel­fall, son­dern das Sys­tem dahin­ter.


Warum ich heute kaum noch CSS schreibe

Das klingt fast ket­ze­risch, aber:
Ich schrei­be nur noch CSS, wenn ich wirk­lich muss.

Frü­her war CSS mein Werk­zeug­kas­ten – heu­te ist es mein Notiz­buch.
Der Groß­teil der Gestal­tung pas­siert direkt über das Design­sys­tem und theme.json.

Das ist nicht weni­ger krea­tiv – es ist prä­zi­ser.
Ich defi­nie­re Design­prin­zi­pi­en, nicht Pixel­po­si­tio­nen.


FSE als Werkzeug für langfristige Ordnung

Vie­le scheu­en FSE, weil es „zu tech­nisch“ wirkt.
Ich sehe es genau anders­her­um:
FSE ist die kon­se­quen­tes­te Ver­ein­fa­chung, die Word­Press je ein­ge­führt hat.

Ein­mal sau­ber gedacht, ist alles mit­ein­an­der ver­knüpft:
Far­ben, Typo­gra­fie, Abstän­de, Lay­outs, Blö­cke – alles folgt einer inne­ren Logik.

Und genau das lie­be ich an die­ser Arbeits­wei­se.
Ich kann mit einem Design in Oran­ge begin­nen und Wochen spä­ter das­sel­be The­me auf Lila oder Blau umstel­len – ohne einen Stil­bruch.


Mein persönliches Fazit

Ich habe mich mit The­mes her­um­ge­quält.
Ich habe mich durch Divi geklickt, CSS-Datei­en durch­wühlt und zahl­lo­se Ein­stel­lun­gen dop­pelt gepflegt.
Aber ich bin froh, dass ich das alles hin­ter mir habe.

Heu­te ist mein Ansatz klar:
Ich den­ke vom Sys­tem her, nicht vom The­me.
Ich will kei­ne „schö­ne Sei­te“ bau­en, son­dern ein robus­tes Gestal­tungs­prin­zip, das auch in fünf Jah­ren noch funk­tio­niert.

Ein The­me ist ver­gäng­lich.
Ein Design­sys­tem ist nach­hal­tig.

Und genau das ist der Grund, war­um ich mei­ne Arbeit an ibp.Teams und ande­ren Pro­jek­ten so lie­be:
Weil ich hier das, was ich gelernt habe, end­lich in sau­be­re Struk­tu­ren über­set­zen kann.


Weiterführend

➡️ In Teil 2 geht es um den Auf­bau eines modu­la­ren Farb- und Typo­gra­fie­sys­tems in der theme.json.
➡️ Auf ibp.Teams zei­ge ich, wie die­ses Prin­zip in der Pra­xis aus­sieht – mit ech­ten Bei­spie­len aus unse­ren The­mes.

https://teams.ibp.one/info/ibp-designsystem/


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